Reset

Zur Rekonstruktion von Bewusstsein und Ästhetik

Nadine Schmid

Das menschliche Bewusstsein funktioniert nicht wie ein Computer. Niemand kann sich grundlegend neu formatieren. Jede Erfahrung hat Verbindungen entstehen lassen, mit denen sich wieder andere Verbindungen verbunden haben, um neue Verbindungen herzustellen und immer so weiter. Dessen und der Tatsache, dass es eine menschliche Tabula Rasa nicht geben kann, ist sich Roberto Duarte bewusst, und dennoch macht er mit seiner Kunst den Versuch, neu zu beginnen, Betrachtungen einem erstmaligen Entdecken anzunähern.


Seine Haltung ist dabei nicht naiv, sie ist drastisch. Zwei Jahre lang ist Duarte durch seinen damaligen Wohnort Santiago de Chile gelaufen (Desplazamiento 2004). Jeden Tag. Egal wohin er musste. Und immer hatte er seine Kamera dabei, hat seine Entdeckungen im Bild festgehalten. In über 2000 Bildern. So ist die Kunst für Duarte eine Lebensart geworden - ein Anspruch den er im Allgemeinen an Kunst stellt, die für ihn ein entfesselter Bewusstwerdungsprozess sein muss. Indem er gelaufen ist, indem sein Leben jeden Tag, jede Stunde durch die eigens geschaffenen Regeln seiner Selbsterfahrungskunst bestimmt war, hat er den Widerspruch von Leben und Kunst aufgelöst.


Im selben Maße, wie der Künstler mit seiner persönlichen Erlebniswelt in seine Kunst eingeht, geht sein Anliegen auf alle Menschen und die gesamte Gesellschaft zu und ein. Das Laufen war für ihn Neuanfang auf ganz individuell-persönlicher Ebene. Ein Neuanfang mit einem der grundlegendsten Dinge: der Fortbewegung allein durch die eigene Muskelkraft. Denken ist gut und wichtig, aber es ist ein Prozess, der nicht am Anfang des Lebens steht und den der Großteil des Lebens, wie wir es kennen, gänzlich entbehren kann. Ein Bewusstsein über die Zusammenhänge der Welt im Ganzen lässt sich nicht allein durch Denken erlangen, es bedarf einer Einbindung aller Vitalfunktionen. Um die Metaebene zu erklimmen, um zu einem Bewusstsein über die eigenen Wahrnehmungs- und Bewusstseinsprozesse zu gelangen, muss man eine explizite Haltung einnehmen. Dies hat Duarte getan mit seiner radikalen Entscheidung in seinem Alltag ohne jegliche Transporthilfen auszukommen und im Laufen alle Sinne geöffnet zu halten. Es braucht zudem einen eigenen Kraftaufwand, eine Investition, die auch physisch sein muss. Nicht nur der Kopf lernt sondern auch der Körper, und Laufen ist eine Verortung der Körperlichkeit im Materiellen, in der körperlichen anstelle der geistigen Welt.


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In Duartes kreativem Prozess ist die Kognition, die das Materielle bearbeitet, dennoch hoch dosiert. Es geht ihm nicht primär darum, etwas nie Dagewesenes zu erschaffen. Anstatt etwas Neues zu machen, bewegt er bereits Bestehendes. Es geht um die Verbindung von oft elementaren Dingen, darum, anschließend eine Distanz einzunehmen, mit der man einen Überblick bekommt, aus dem heraus dann wiederum eine gewisse (neue) Ordnung in diese Verbindungen gebracht werden kann. Der Wiederaufbau nach dem Reset.


Duarte arbeitet dabei auf verschiedenen Ebenen, um den Dingen, die ihn umgeben einen (auch objektiven) Sinn zu geben. Diese Dinge entnimmt er dabei dem Alltagsleben, einer Realität die als Summe aller subjektiven Realitäten konzipiert ist. Es sind zumeist Wahrnehmungen von Zufällen, die aufgegriffen und wieder freigelassen werden. Jeder Gegenstand kann Duartes Interesse auf sich ziehen. Ihn auszuwählen und aus seinem Kontext zu isolieren ist die erste künstlerische Entscheidung. Dies geschieht in einer Art und Weise, die verrät, dass die Anfänge von Duartes Kunst in der Fotografie liegen: mit zwei scharfen Schnitten in der Zeit wird ein Ereignis herausgelöst. Beim Foto liegt zwischen den beiden Schnitten nur ein Bild, und dieses eine Bild ist auch das kleinste Element des Videos. Beide unterscheiden sich aber in ihrer Flexibilität, Formbarkeit und Elastizität.


Wie bei seinen Videos geht Duarte auch mit seinen Fotos zum Ursprung zurück und kreiert aus der Reduktion und seiner Idee Bewegung. Dies tut er entweder, indem er zwei isolierte Elemente mit nur geringer Variation miteinander verbindet - etwa wenn er zwei Bilder ein und desselben Gegenstandes nebeneinander setzt, die in einem kurzen zeitlichen Abstand entstanden sind (hierbei entsteht allein durch den minimal anderen Bildausschnitt schon der Eindruck von Dynamik) - oder er fügt mehrere Elemente oder dasselbe Element in verschiedenen Spiegelung zusammen, um ein neues Muster und damit ein ganz neues Bild zu erzeugen.


Duarte arbeitet mit so wenigen Eingriffen wie möglich. Mitunter beschränkt er sich auf die Reduktion durch Auswahl und das Festhalten des Moments ohne jegliche weitere Veränderung. Bei seinen Videos überlässt er es schon mal allein dem Loop, eine eigene Komplexität zu entwickeln, häufiger jedoch kommen durch die verschiedenen Spielarten von Zeit noch weitere Verfremdungsmöglichkeiten hinzu. Zusätzlich zum gewählten Ausschnitt und Winkel variiert Duarte Zeitrichtung, Rhythmus, Geschwindigkeit.


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Dabei findet er trotz der Reduktion des Materials und der Mittel immer neue Formen. Für ihn wäre eine immer gleiche Form der Komplexität des Menschen unangemessen. Material und Idee stehen in Wechselwirkung, und die Formen hängen von den Ideen ab, so wie zu jeder Idee eine bestimmte Form gehört. Mit all seinen verschiedenen Formen bewegt er sich auf einem einzigen Pfad, zugleich aber auf verschiedenen Ebenen. Bei Duarte entspricht einer inhaltlichen Breite die Variabilität in der Umsetzung.


Neuere Videoarbeiten machen den zentralen Prozess aus Reduktion und Expansion besonders deutlich. Duarte arbeitet mit nur wenigen Elementen und nutzt die Reduktion dafür, die passendste Metapher zu finden. Paso (2008) zeigt den Fuß des Künstlers in Draufsicht, wie er ihn selbst im Gehen beobachten kann, während er einen einzelnen Schritt vollzieht. Dieser Schritt ist Objekt, ist die Grundentität, das kleinste Element von Bewegung, der allererste Anfang des Mechanismus, aus dem etwas erschaffen werden, eine Dynamik entstehen kann. Duarte sezierte sein Objekt, diesen Schritt gleichsam, indem er ihn in einzelne Fragmente zerlegt und neu zusammensetzt. So sieht man auf zwei Monitoren, denselben Schritt in verschiedenen Ausschnitten unterschiedlichster Länge und Geschwindigkeiten. Der Ausgangspunkt war einfach: ein Schritt (als Grundelement des Laufens), eine Sekunde, ein Meter. Nach der Bearbeitung wird aus dem Elementaren erneut etwas Komplexes, das aber mit der ursprünglichen Komplexität, aus dem das Element isoliert wurde, nichts mehr gemein hat.


Wie auch in anderen Arbeiten Duartes ist der Künstler hier zugleich auch Komponist und Mathematiker. Er erschafft einen Rhythmus und wählt dabei Orientierungspunkte, die genauso gut akustisch wie visuell sein können. Beide Sinne scheinen bei Duartes Videoarbeiten sogar gleichberechtigt. Dadurch gibt er ihnen noch eine starke weitere Dimension, die sie über einen Großteil der landläufigen Videokunst hinausgehen lassen.


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Mathematisch wird es, wenn er als Ordnungsprinzip etwa die Fibonacci-Folge zugrunde legt, jene unendliche Folge von Zahlen, bei der sich die jeweils folgende Zahl durch Addition der beiden vorherigen Zahlen ergibt, die einerseits eng mit dem goldenen Schnitt verwandt ist und andererseits die Basis bildet beispielsweise für Spiralen in den Blütenständen von Pflanzen. Diesen Fibonacci-Zahlen entspricht die Anzahl an Sekunden, die der Betrachter das beinahe unveränderliche Bild des Wassers bis zu einem akustischen Signal zu sehen bekommt (Fluss 2008). Dieser Ton, der während der Filmaufnahme zufällig aus der Atmosphäre mitaufgenommen wurde, wird von Duarte spielerisch umgedeutet vom Fehler zum strukturgebenden Ankerpunkt.


Ebenso spielerisch ist RWG1 (2006), ein kurzer und explosiver Film, bei dem die Köpfe von Abrissbaggern an den Wänden eines schon weitgehend zerstörten Gebäudes nagen. Sie erinnern dabei an lebendige Wesen oder doch zumindest an Roboter, Assoziationen zu japanischen Filmen des Gozilla-Genres werden geweckt. Die kurzen Sequenzen sind brüchig und zerstückelt wie die Betonplatten, die von den mächtigen Zähnen zerbröselt und zerrissen werden. Sie sind so beschleunigt, dass das Krachen, Kreischen und Brüllen der Abrissbagger hoch gepitcht die bedrohlichen Kreaturen wie Spielzeug erscheinen lassen.


Abstrakter noch kommen Luises Fenster (2007) und 2'12 (2007) daher. Wieder sind Geschwindigkeit und musikalischer Rhythmus zentral. Aber auch Winkel und Ausschnitt tragen zu dem ausgesprochen hohen optischen und akustischen Ästhetisierungsgrad der alltäglichen Wirklichkeit bei. Luises Fenster zeigt die Äste einer Baumkrone, mit der die Kamera auf Augenhöhe ist. Die Bilder sind entfärbt, zum Teil invertiert und das Musikstück, das den Hintergrund im Moment der Aufnahme gebildet hat, ist nicht mehr zu erkennen. Durch die schnellen rhythmischen Schnitte ist eine neue Art von Musik entstanden. 2'12 setzt den Betrachter dem Durcheinander der Beine auf einer Schlittschuhbahn aus. Das Gleiten und Schaben der Kufen sind derartig zerstückelt und wieder zusammengesetzt, das ein Stück akustische Kunst die visuelle begleitet. Andere Arbeiten wie Pavimento - Straßenpflaster (2007), das Neue Ring (2009) oder das bereits genannte Fluss (2008) sind demgegenüber von einer großen meditativen Ruhe, sind entschleunigt und verführen zu einem sich Hingeben an die versunkene Betrachtung.


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Aber Duarte ist nicht nur Mathematiker und Komponist, seine Haltung hat im ursprünglich gesellschaftsphilosophischen Sinne des Wortes einen politischen Anspruch. Seine Realtitätsde- und -rekonstruktionen stellen eine Alternative dar. Sie stehen in Konkurrenz zu den Wirklichkeitsentwürfen, die den Menschen von verschiedenen gesellschaftlichen Institutionen wie den Medien und wirtschaftlichen Akteuren als verbindlich präsentiert werden. Roberto Duarte stellt sich die Frage, wo Kultur und Natur aufeinander treffen und was daraus entsteht. Eine Verbindung? Dynamik? Bewegung? Seine Kunst ist der Transformationsprozess, in dem die Strahlen, die der Alltag aussendet, gefiltert werden, um anschließend in einem neuen Spektrum gestreut und zurück in die Alltagswelt geworfen zu werden.


Was sich jedem Künstler als Aufgabe stellt, schafft Duarte in besonderer Weise: eine Balance zwischen Idee und Form. Dabei legt er in die beiden Schalen der Waage größere Gewichte als viele seiner Kollegen. Mehr Gedanken, mehr Konzept in die eine und eine ebenso variationsreiche wie konsequente eigene Ästhetisierung in die andere Waagschale. Die äußere Schönheit für sich allein genommen ist für Duarte zu langweilig. Obwohl er ihre Existenz und ihre Kraft nicht verneint oder gar zurückweist, sondern so ehrlich ist, auch die oft als kitschig diffamierte Schönheit beispielsweise eines Sonnenuntergangs anzuerkennen, bedarf eine solche schöne Reinheit für Duarte noch eines Kompromisses, um Kunst zu werden.


Was von seiner Arbeit bleibt, ist nicht ein bloßes ästhetisches Projekt. Seine Kunst hinterlässt Spuren in der Erfahrungswelt anderer, sie ist die Quelle, die Resonanzen auslöst, die sie selbst nicht kontrollieren kann und auch gar nicht will.




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